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Kapitel 5: Absolution

Die Dunkelheit umfängt mich wie ein nasses Leichentuch. Daniels Stimme hallt in meinem Schädel nach, eine boshafte Echowelle, die sich in den Ecken meines Bewusstseins bricht.
"Und? Glaubst du jetzt, wer du bist?"
Ich presse die Hände gegen meine Schläfen, versuche, die Stimme zum Verstummen zu bringen. Aber sie ist nicht nur in meinem Kopf. Sie kommt aus den Wänden, aus dem Boden, aus der Luft selbst.
"Hör auf!", schreie ich in die Finsternis. "Ich weiß, wer ich bin! Ich weiß, what ich getan habe!"
Ein trockenes Lachen antwortet mir. "Oh, Adrian. Du weißt gar nichts. Du kennst die Fakten. Die Geschichte. Aber du verstehst sie nicht. Nicht wirklich."
Plötzlich flackern Lichter auf. Nicht die gespenstischen Neonröhren von vorher, sondern Projektionen. Bilder an den Wänden. Szenen aus meiner Vergangenheit.
Ich sehe mich im Labor, wie ich begeistert meine Theorien erkläre. Daniel, jung und idealistisch, hört mit leuchtenden Augen zu. Ich sehe den Stolz in seinem Gesicht, die Bewunderung.
Dann der Brand. Die Panik. Meine Entscheidung, die Tür zu verriegeln. Daniels entsetzter Blick, als er begreift, dass ich ihn opfere.
"Du hast mich zurückgelassen", zischt die Stimme. "Nicht aus Notwendigkeit. Aus Feigheit. Du hast dein eigenes Leben über meines gestellt."
"Es war ein Unfall!", rufe ich verzweifelt. "Das Feuer..."
"Das Feuer war kontrollierbar!", brüllt die Stimme, und zum ersten Mal höre ich rawen, unverfälschten Schmerz darin. "Du hattest Zeit! Du hattest eine Wahl!"
Die Projektionen wechseln. Ich sehe mich in den Monaten nach dem Brand. Wie ich lüge. Die Untersuchung manipulierte. Daniels Überleben vertuschte. Wie ich weitermachte, als ob nichts geschehen wäre.
"Du hast nicht nur mich im Stich gelassen", fährt die Stimme fort, jetzt ruhiger, aber nicht weniger gefährlich. "Du hast jeden im Stich gelassen, der dir nahestand. Deine Frau. Deine Tochter."
Neue Bilder erscheinen. Eine Frau mit traurigen Augen. Ein kleines Mädchen, das nach seinem Vater ruft. Szenen, die ich jahrelang verdrängt habe.
"Sie haben dich verlassen, nicht wahr?", flüstert die Stimme. "Weil sie gespürt haben, was in dir steckt. Diese Kälte. Diese Bereitschaft, Menschen zu opfern."
Ich sinke zu Boden, von der Last der Erinnerungen erdrückt. Alles kommt zurück. Nicht nur die Fakten, sondern die Gefühle. Die Schuld. Die Scham.
"Was willst du von mir?", flüstere ich, meine Stimme ist nur noch ein Bruchstück dessen, was sie einmal war.
"Ich will, dass du verstehst", antwortet Daniel. Er tritt aus den Schatten, aber er ist nicht mehr der entstellte Kurator. Er sieht aus wie damals, vor dem Feuer. Jung. Verletzlich. "Ich will, dass du wirklich siehst, was du getan hast."
"Ich sehe es", gebe ich zu, Tränen der Reue strömen mir über das Gesicht. "Gott, ich sehe es."
"Nein", sagt er traurig. "Du siehst nur die Oberfläche. Die wahre Lektion beginnt jetzt."
Er schnippt mit den Fingern, und die Welt um uns herum verändert sich. Die Wände des Lagers verschwimmen, lösen sich auf. Wir stehen plötzlich in einem weißen, leeren Raum. Keine Türen. Keine Fenster. Nur grenzenlose Weite.
"Was ist das?", frage ich verwirrt.
"Das ist dein Geist", erklärt Daniel. "Gereinigt von allen Illusionen. Hier gibt es nur die Wahrheit."
Vor uns erscheint eine Reihe von Türen. Jede trägt eine Aufschrift. "Angst". "Schuld". "Reue". "Vergebung".
"Wähle", sagt Daniel. "Aber wisse: Was auch immer dahinter ist, es wird dein sein. Für immer."
Ich schaue die Türen an. Mein erster Impuls ist, "Vergebung" zu wählen. Aber ist das nicht wieder nur Feigheit? Der Wunsch, der Strafe zu entgehen?
"Schuld" lockt mich. Die vertraute Qual. Der Schmerz, den ich verdiene.
Aber dann erinnere ich mich an etwas. An Daniels Worte: "Die wahre Lektion beginnt jetzt." Dies ist keine Bestrafung. Es ist eine Prüfung.
Ich trete vor die Tür mit der Aufschrift "Wahrheit".
"Interessant", bemerkt Daniel. "Warum diese?"
"Weil ich genug von Lügen habe", antworte ich. "Weil ich verdiene, zu wissen, was wirklich passiert ist. Alle Wahrheit. Auch die, die ich mir selbst nicht eingestehen wollte."
Ein Lächeln erscheint auf Daniels Gesicht. Ein echtes Lächeln, ohne Hohn. "Endlich."
Ich öffne die Tür. Dahinter erwartet mich nicht eine einzelne Erinnerung, sondern ein Strudel aus Bildern, Gefühlen, Geräuschen. Die komplette, ungefilterte Wahrheit über mein Leben.
Ich sehe, wie ich nicht nur Daniel im Stich gelassen habe, sondern viele andere. Patienten, die ich für meine Experimente missbrauchte. Kollegen, die ich betrog. Meine Familie, die ich emotional vernachlässigte.
Aber ich sehe auch etwas anderes. Die Angst, die hinter meiner Arroganz steckte. Die Unsicherheit, die ich mit Größenwahn kompensierte. Die Einsamkeit, die ich mit Kontrollsucht zu füllen versuchte.
Und ich sehe Daniel. Nicht nur als Opfer, sondern als jemanden, der seine eigene Dunkelheit hatte. Seine eigene obsessive Bewunderung, die sich in Hass verwandelte. Seine eigene Schuld.
Die Wahrheit ist nicht schwarz und weiß. Sie ist ein komplexes Geflecht aus Entscheidungen, Ängsten und menschlichem Versagen.
Als ich aus dem Strudel der Wahrheit auftauche, bin ich ein anderer Mensch. Gezeichnet, aber gereinigt.
"Jetzt verstehst du", sagt Daniel leise. Seine Gestalt beginnt zu schimmern, wird durchsichtig.
"Du warst nie wirklich hier, oder?", frage ich, obwohl ich die Antwort bereits kenne.
"Ich bin vor drei Jahren gestorben", gesteht er. "Im Feuer. All das... war in deinem Kopf. Dein eigenes Unterbewusstsein, das dich zur Rechenschaft zog."
Die letzte Wahrheit trifft mich mit der Wucht eines Hammers. Es gab keinen Kurator. Keine Halle. Keine Fallen. Nur mich. Meine Schuld. Meine Selbstbestrafung.
"Warum?", flüstere ich. "Warum all das?"
"Weil du es brauchtest", antwortet seine schwindende Gestalt. "Weil die Wahrheit allein nicht genug war. Du musstest sie fühlen. Erleben. Durch sie hindurchgehen."
"Und jetzt? Was bleibt mir jetzt?"
"Die Wahl", sind seine letzten Worte, bevor er vollständig verschwindet. "Immer die Wahl."
Ich bin allein in der weißen Leere. Mit der Wahrheit. Mit meiner Schuld. Aber auch mit einer seltsamen, neuen Klarheit.
Die Türen sind verschwunden. Stattdessen sehe ich zwei Wege vor mir. Einer führt zurück in die Dunkelheit. Zurück in die Halle der Erinnerungen, wo ich ewig gefangen sein könnte in meiner Selbstgeißelung.
Der andere Weg führt nach vorne. In ein unbekanntes Licht. In eine Zukunft, die ich nicht verdiene, die ich aber dennoch wählen kann.
Ich stehe an der Schwelle zwischen Vergangenheit und Zukunft. Zwischen Strafe und Vergebung. Zwischen dem, der ich war, und dem, der ich sein könnte.
Langsam, mit einem neuen Verständnis, das tief in my Seele wurzelt, mache ich einen Schritt. Nicht zurück. Nicht nach vorne.
Ich bleibe stehen. Atme. Existiere einfach in diesem Moment der absoluten Wahrheit.
Die weiße Leere um mich herum beginnt sich zu verändern. Sie wird durchsichtig. Darunter erscheint die reale Welt. Ich erkenne einen Raum. Ein Krankenhauszimmer.
Ich liege in einem Bett. An Schläuche angeschlossen. Überwachungsgeräte piepen leise. Eine Krankenschwester tritt ein, überprüft meine Vitalzeichen.
"Ah, Sie sind wach", sagt sie freundlich. "Willkommen zurück."
Ich versuche zu sprechen, aber meine Kehle ist trocken, meine Stimme ist nur ein Krächzen.
"Keine Sorge", beruhigt sie mich. "Das ist normal. Sie waren drei Wochen im Koma."
Drei Wochen. Die Zeit, in der mein Geist diese Hölle erschuf. Diese notwendige Hölle.
"Wie...?", bringe ich mühsam hervor.
"Ein Autounfall", erklärt sie. "Sie sind frontal mit einem Baum kollidiert. Keine anderen Beteiligten. Ein Wunder, dass Sie überlebt haben."
Ein Unfall. Nicht ganz die Wahrheit, aber nahe genug. Ich erinnere mich jetzt. Die lange, kurvenreiche Straße. Der Regen. Die Flasche Whiskey auf dem Beifahrersitz. Der bewusste Moment, in dem ich das Steuer losließ.
Es war kein Unfall. Es war ein Selbstmordversuch.
Aber das erzähle ich der Krankenschwester nicht. Das ist eine Wahrheit, die ich für mich behalten muss. Für jetzt.
Sie verlässt den Raum, und ich bin allein mit meinen Gedanken. Mit meiner neu gewonnenen Klarheit.
Draußen scheint die Sonne. Ein gewöhnlicher Day. Eine gewöhnliche Welt. Aber ich bin nicht mehr gewöhnlich. Ich bin gezeichnet, aber geheilt. Gebrochen, aber ganz.
Ich weiß, was ich zu tun habe. Ich muss Wiedergutmachung leisten. Den Menschen, die ich verletzt habe. Mir selbst.
Der Weg wird lang sein. Schwierig. Es wird Rückschläge geben. But ich habe die Wahrheit gesehen. Ich habe die Hölle durchlebt. Und ich bin zurückgekehrt.
Zum ersten Mal seit Jahren fühle ich etwas, das ich fast vergessen hatte: Hoffnung.
Die Tür öffnet sich wieder. Nicht die Krankenschwester. Ein Mann in einem weißen Kittel. Ein Psychiater.
"Dr. Weiss", beginnt er. "Ich bin Dr. Richter. Wir müssen über Ihre... Erlebnisse sprechen. Sie haben Dinge gesagt. Im Koma."
Ich schaue ihn an. Ich sehe die Neugier in seinen Augen. Den Wunsch, zu analysieren. Zu verstehen.
Und ich lächele. Ein echtes, friedliches Lächeln.
"Ja", sage ich. "Lassen Sie uns reden."
Denn die Reise ist noch nicht zu Ende. Sie hat gerade erst begonnen.
Was tust du?
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