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Kapitel 2: Die erste Falle

Die Hand bleibt regungslos vor mir in der Luft stehen. Eine offene, schmutzige Fläche, die alles fordern und nichts geben will. Jeder Muskel in meinem Körper schreit danach, wegzurobben, mich in die Dunkelheit zurückzuziehen, aber ich bin wie gelähmt.
Beweg dich nicht. Vielleicht ist es ein Trick. Vielleicht will er nur, dass du sich bewegst.
Doch die Stimme in meinem Kopf wird von der rauen Wirklichkeit übertönt. "Ich werde nicht wiederholen", krächzt die Silhouette. "Steh auf. Or ich mache, dass du es bereust."
Langsam, jede Faser meines Seins sträubt sich dagegen, schiebe ich mich hoch. Jede Bewegung verursacht einen neuen Schmerz. Mein Kopf pocht im Takt meines Herzschlags, der mir in den Ohren dröhnt. Ich stemme mich an der kalten Wand ab, zitternd, als wäre ich gerade einem Ertrinken entkommen.
Die Taschenlampe blendet mich immer noch, aber ich erkenne mehr Details. Der Mann ist groß, breit gebaut, in eine dunkle, ölverschmierte Arbeitsjacke gekleidet. Sein Gesicht bleibt im Schatten, aber ich spüre seinen Blick auf mir, kalt und analytisch, wie ein Wissenschaftler, der ein Versuchstier betrachtet.
"Gut", sagt er, und in seiner Stimme schwingt etwas mit, das fast wie Befriedigung klingt. "Der erste Schritt ist immer der schwerste. Der Rest... wird zur Gewohnheit."
Er dreht sich abrupt um und geht weg, ohne sich umzusehen. Seine Schritte hallen durch den leeren Raum. Die Dunkelheit verschluckt ihn fast sofort, nur der Kegel seiner Taschenlampe tanze noch in der Ferne.
Ich stehe allein da, zitternd, verloren. Was jetzt? Folgen? Weglaufen? Mein Blick fällt auf den Gegenstand, den er fallen ließ. Eine alte, rostige Metallschere. Keine Waffe. Ein Werkzeug. Eine Botschaft?
Ich hebe sie auf. Das kalte Metall fühlt sich fremd in meiner Hand an, aber auch irgendwie vertraut. Ich stecke sie in meine Jackentasche, ein winziges Stück Sicherheit in dieser überwältigenden Unsicherheit.
Plötzlich erlischt das Licht in der Ferne. Absolute Finsternis. Ich erstarrte. Das Geräusch der Schritte ist auch verschwunden. Nur mein eigener Atem ist zu hören, flach und schnell.
Dann, ein surrendes Geräusch. Irgendwo über mir flackern Neonröhren auf, eine nach der anderen, und erleuchten den Raum in einem gespenstischen, flackernden Licht. Ich muss blinzeln, so sehr tun mir die Augen nach der Dunkelheit weh.
Ich stehe in einer riesigen Lagerhalle. Hoch über mir schwebt ein Gewirr aus Stahlträgern und Rohren. Regale, gefüllt mit verrotteten Kartons und undefinierbarem Schrott, türmen sich bis zur Decke. Die Luft ist immer noch stickig, aber jetzt kann ich auch den beißenden Geruch von Chemikalien und Schimmel riechen.
Und ich sehe die Tür.
Groß, aus Stahl, mit einem riesigen Drehrad in der Mitte. Sie ist vielleicht dreißig Meter entfernt. Der Ausgang. Die Freiheit.
Zu offensichtlich. Es ist eine Falle. Es muss eine Falle sein.
Aber was sind die Alternativen? Hier stehen bleiben und verrotten? Ich mustere den Raum. Neben mir verläuft ein schmaler Gang zwischen den Regalen. Er führt in die entgegengesetzte Richtung, tiefer in die Halle hinein, in noch dunklere Ecken.
Die Wahl ist illusorisch. Ich spüre es. Er beobachtet mich. Erwartet meine Entscheidung.
Mein Blick wandert zurück zur Tür. Sie ist verlockend. Greifbar. Ich beginne, mich auf sie zuzubewegen, langsam, vorsichtig. Jeder Schritt hallt viel zu laut wider. Meine Sinne sind überscharf, jede Faser meines Seins ist alarmiert. Ich erwarte jeden Moment, dass eine Falle zuschnappt.
Nichts passiert.
Zehn Meter. Fünfzehn. Die Tür kommt näher. Ich kann Verzierungen im Stahl erkennen, Roststellen. Das Drehrad sieht alt, aber stabil aus.
Zwanzig Meter. Immer noch nichts. Vielleicht habe ich mich geirrt. Vielleicht ist es kein Spiel, sondern nur eine perverse Form der Folter, und die Tür war die ganze Zeit offen.
Plötzlich, ein lautes METALLISCHES RASSELN direkt über mir! Ich ducke mich instinktiv, presse mich gegen ein Regal. Mein Herz hämmer mir gegen die Rippen.
Aber nichts geschieht. Nur das Geräusch, das langsam verebbt. Eine lose Kette, die irgendwo im Luftzug schwingt? Ich atme aus, eine Welle der Erleichterung durchspült mich, so intensiv, dass mir fast schwindelig wird.
Ich bin jetzt nur noch zehn Meter von der Tür entfernt. Ich kann fast die Kälte des Stahls spüren. Ich nehme allen Mut zusammen und mache einen schnellen Schritt vorwärts.
In diesem Moment gibt der Boden unter meinen Füßen nach.
Es ist kein dramatisches Aufklappen, nur ein leises, surrendes Geräusch, und plötzlich ist da nichts mehr unter meinem rechten Fuß. Ich stolpere nach vorn, winde mich, versuche, das Gleichgewicht zu halten, und schaffe es gerade so, mich auf den Rand der now sichtbaren Öffnung im Boden zu stützen.
Unter mir ist Dunkelheit. Eine Grube. Ein Schacht. Der Geruch, der daraus aufsteigt, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren: Moder, Abwasser und etwas süßlich Fauliges.
Ich ziehe mich zitternd zurück, rolle mich zur Seite, weg von dem Loch. Ich liege auf dem kalten Boden und starre in den Abgrund. Die Falltür war perfekt getarnt, ein Meisterwerk der Täuschung.
Über mir, von irgendwo, ein trockenes, kratziges Lachen. It kommt aus versteckten Lautsprechern. "Fast", krächzt die Stimme des Kurators. "Aber Fast reicht nicht. Fast ist der Tod."
Das Lachen bricht abrupt ab. Die Neonröhren flackern wild, als ob sie gleich explodieren würden, und beruhigen sich dann wieder.
Ich rapple mich auf, den Blick immer noch auf das Loch gerichtet. Meine Knie fühlen sich an wie Pudding. Ich hätte sterben können. Oder schlimmer.
Die Tür ist jetzt unerreichbar. Der direkte Weg ist blockiert. Ich mustere den Schacht. Er ist zu breit, um ihn zu überspringen. Die Ränder sind glatt, kein Halt.
Meine einzige Option ist der Gang zwischen den Regalen. Der Weg, der tiefer in die Halle hineinführt. In die unbekannte Dunkelheit.
Ich wende mich ab von der Tür, von der Freiheit, die nie eine war. Jeder Schritt fühlt sich an wie eine Kapitulation. Wie ein Einverständnis, in seinem Spiel mitzuspielen.
Der Gang ist eng und dunkel. Das Licht der Neonröhren dringt nur spärlich herein. Die Regale scheinen sich über mir zu neigen, bedrohlich, als ob sie jeden Moment zusammenstürzen könnten. Ich taste mich vorwärts, eine Hand an der kalten Wand, die andere in meiner Tasche, umklammert die Metallschere.
Der Geruch verändert sich. Weniger Moder, mehr Öl und Metall. Der Boden unter meinen Füßen wechselt von Beton zu grobem Gitterrost. Ich kann sehen, dass der Gang vor mir in einen größeren Raum mündet, erfüllt von Maschinenschatten.
Und dann höre ich es.
Ein Geräusch, das mir den Atem raubt.
Es ist leise. Ein Kratzen. Ein Scharren. Gefolgt von einem schwachen, kaum hörbaren Stöhnen.
Es kommt aus dem Raum vor mir.
Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Jeder Instinkt schreit: Umkehren! Laufen!
Aber ich kann nicht. Die Neugier, die pure, nackte Angst, was oder wer da vorne sein könnte, ist stärker. Ich presse mich an die Wand und spähe vorsichtig um die Ecke.
Der Raum ist ein Labyrinth aus alten Maschinen – Pressen, Stanzen, Förderbänder, die lange stillstehen. Überall hängen Schläuche wie tote Schlangen von der Decke.
Und in der Mitte, an einen Stuhl gefesselt, sitzt eine Gestalt.
Ein Mann. Sein Kopf hängt schlaff auf der Brust. Seine Kleidung is zerrissen, blutverschmiert. Er regt sich kaum, nur ein leichtes Zucken seiner Schultern verrät, dass er noch atmet. Das Kratzgeräusch kommt von seinen Fesseln, mit denen er sich kaum merklich gegen die Stuhlbeine reibt.
Ein weiteres Opfer.
Mein erster Impuls ist, zu ihm zu rennen, ihn zu befreien. Nicht allein sein. Jemanden haben, der versteht.
Doch dann halte ich inne. Der Kurator. Dies ist eine weitere Falle. Es muss eine sein. Warum sollte er ein anderes Opfer hier lassen, wo ich es finde? Warum sollte er mir Gesellschaft gönnen?
Der Mann stöhnt leise und hebt mühsam den Kopf. Sein Gesicht ist geschwollen, eine blutige Maske. Aber durch die Schwellungen hindurch erkenne ich etwas – Angst. Echte, unverfälschte Todesangst. Sie spiegelt meine eigene wider.
Unsere Blicke treffen sich. Seine Augen weiten sich. Er versucht, etwas zu sagen, aber es kommt nur ein unverständliches, wässriges Glucksen heraus. Er schüttelt den Kopf, immer wieder, eine schwache, aber verzweifelte Bewegung.
Warnt er mich?
Hinter mir ertönt ein surrendes Geräusch. Ich wirble herum. Eine stählerne Gittertür gleitet aus der Decke und versperrt den Gang, durch den ich gekommen bin. Eingeschlossen.
Die Stimme des Kurators dröhnt aus versteckten Lautsprechern. "Willkommen in der Werkstatt. Deine erste Lektion beginnt jetzt. Wahlmöglichkeiten sind Luxus. Hier hast du nur eine: Überleben."
An der Wand gegenüber blinkt plötzlich eine rote LED auf. Ein Countdown beginnt von 60.
59... 58... 57...
Ich starre auf die Zahlen, mein Verstand rast. Was passiert, wenn er Null erreicht?
Das Stöhnen des Mannes wird lauter, panischer. Er zerrt wild an seinen Fesseln.
Mein Blick schweift durch den Raum. An einer Wand entdecke ich ein Werkzeugbrett. Hämmer, Brecheisen, Zangen. Alles, was man für eine Befreiung braucht. Zu offensichtlich.
Neben dem Werkzeugbrett sehe ich etwas anderes. Einen zweiten Ausgang. Ein schmaler Lüftungsschacht, dessen Gitter locker an den Schrauben hängt. Groß genug, um hindurchzukriechen.
45... 44... 43...
Die Wahl ist keine. Befreie ich den Mann und riskiere, dass wir beide in die Falle tappen? Oder fliehe ich allein durch den Schacht und lasse ihn zurück?
Sein Blick fleht mich an. Tränen mischen sich mit dem Blut auf seinen Wangen.
Die roten Zahlen brennen sich in meine Netzhaut.
30... 29... 28...
Was tust du?
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