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Kapitel 3: Der andere Gefangene

30... 29... 28...
Die Zahlen brennen sich in mein Bewusstsein. Jede Sekunde ist ein Herzschlag, der mir aus der Brust zu hämmern scheint. Der gefesselte Mann stöhnt verzweifelt, seine Augen sind starr vor Panik.
Du kannst ihn nicht zurücklassen. Was auch immer das für ein Spiel ist, du bist kein Mörder.
Aber eine andere Stimme, kälter, überlebenswilliger, flüstert: Er ist eine Falle. Der Kurator will, dass du ihn befreist. Du wirst dich beide umbringen.
25... 24... 23...
Ich werfe einen Blick zum Lüftungsschacht. Freiheit. Allein. Sicher? Wahrscheinlich nicht. Nichts hier ist sicher.
Dann sehe ich wieder den Mann an. Sein Blick. Diese pure, unverfälschte Verzweiflung. Sie spiegelt alles wider, was ich in mir fühle.
Ich fluche leise und renne zum Werkzeugbrett.
20... 19... 18...
Meine Hände zittern, als ich eine große Bolzenschneider greife. Sie ist schwer, unhandlich. Ich stolpere zurück zum Stuhl, zum Mann.
"Ich werde dich befreien!", keuche ich, mehr zu mir selbst als zu ihm. "Beweg dich nicht!"
Seine Augen weiten sich, ein Funke Hoffnung blitzt auf, vermischt mit ungläubigem Entsetzen. Er nickt kaum merklich.
15... 14... 13...
Ich setze die Schneide an das erste Schloss, das seine Handgelenke fesselt. Es ist dick, rostig. Ich drücke die Griffe zusammen, meine Armmuskeln brennen vor Anstrengung.
Nichts. Der Stahl gibt nicht nach.
12... 11... 10...
"Verdammt!", schreie ich und setze nochmal an. Ich beiße die Zähne zusammen, presse mit aller Kraft, mit jeder Faser meines Seins.
Ein lautes, schepperndes KNACKEN erschüttert die Stille. Das Schloss zerbirst. Seine rechte Hand ist frei.
9... 8... 7...
Er stöhnt erleichtert auf und reibt sich das blutige Handgelenk. Ich wechsle zur anderen Seite, setze die Zange an. Adrenalin pumpt durch meine Adern, gibt mir Kraft, die ich nicht wusste, dass ich sie habe.
6... 5... 4...
Noch ein Knacken. Die zweite Fessel springt auf. Dann die an seinen Füßen. Er ist frei.
3... 2... 1...
Ich ziehe ihn vom Stuhl, wir taumeln rückwärts, weg von dem Stuhl, hin zum Lüftungsschacht. Ich erwarte jeden Moment, dass die Decke einstürzt, der Boden sich öffnet, dass etwas Unausweichliches geschieht.
0...
Nichts.
Absolute Stille. Die rote LED erlischt. Das Summen, das den Raum erfüllt hat, verstummt.
Wir stehen da, keuchend, aneinander geklammert, und warten auf die Explosion, den Tod, die Bestrafung.
Nichts geschieht.
"D-Danke", stammelt der Mann neben mir. Seine Stimme ist rau, gebrochen von Stunden oder Tagen des Schreiens. "Ich dachte... ich dachte, ich wäre hier allein gestorben."
Ich nodde, immer noch außer Atem. "Komm, wir müssen hier raus." Ich ziehe ihn zum Lüftungsschacht. Das Gitter ist, wie ich gehofft hatte, nur lose angeschraubt. Ein paar kräftige Rucke, und es gibt nach.
Dahinter tut sich Dunkelheit auf. Eng, stickig, aber ein Weg hinaus.
"Du zuerst", sage ich und drehe mich zu ihm um.
In diesem Moment ändert sich etwas in seinen Augen. Die Dankbarkeit weicht etwas anderem. Etwas Kälterem. Berechnenderem.
"Nein", sagt er, und seine Stimme ist plötzlich fester. "Nach dir."
Es ist nur ein leiser Zweifel, ein winziger Alarm in meinem Hinterkopf, aber ich spüre ihn. Etwas stimmt nicht.
"Ich bleibe hier, bis du durch bist", beharre ich. "Schnell, bevor er zurückkommt."
Ein seltsames Lächeln zieht über sein geschwollenes Gesicht. "Ich fürchte, das wird nicht so einfach sein."
Bevor ich reagieren kann, packt er mich an den Schultern. Seine Kraft ist verblüffend für jemanden, der eben noch halb tot an einen Stuhl gefesselt war. Er drückt mich gegen die Wand, seinen Kopf dicht an meinem.
"Es tut mir leid", flüstert er, und sein Atem riecht nach Blut und etwas Chemischem. "Aber Überleben hat seinen Preis."
Ich versuche, mich zu wehren, aber er ist unglaublich stark. Er dreht meinen Arm hinter meinen Rücken, und ein stechender Schmerz schießt durch meine Schulter.
"Was tust du?", keuche ich. "Wir können zusammen entkommen!"
Sein Lachen ist ein hohles, bitteres Geräusch. "Es gibt kein Entkommen. Nur verschiedene Level des Spiels. Und ich bin gerade aufgestiegen."
Mit einem heftigen Ruck stößt er mich von sich weg, direkt in die Mitte des Raumes. Ich stolpere und lande hart auf dem kalten Betonboden.
Über uns ertönt die Stimme des Kurators, erfüllt von perverser Freude. "Ausgezeichnet! Willkommen in der nächsten Runde."
Der Mann, den ich soeben befreit habe, wirft mir einen letzten, fast entschuldigenden Blick zu, bevor er sich blitzschnell in den Lüftungsschacht zwängt. Das lose Gitter fällt hinter ihm ins Schloss.
Ich liege allein auf dem Boden, außer Atem, verraten und demütiger als je zuvor. Die Gittertür am Eingang des Raumes gleitet auf. Der Kurator steht im Eingang, seine Silhouette gegen das flackernde Licht der Halle.
"Eine Lektion in Menschenkenntnis", sagt er, und ich höre das Grinsen in seiner Stimme. "Vertrauen ist eine Schwäche. Jeder Mensch hat seinen Preis. Seine war die Freiheit. Deiner... nun, das werden wir noch herausfinden."
Er tritt einen Schritt näher. In seiner Hand hält er etwas, das ich erst jetzt erkenne. Eine Spritze, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit.
"Was willst du von mir?", presse ich hervor und rapple mich mühsam auf.
"Die Wahrheit", antwortet er einfach. "Die Wahrheit darüber, wer du wirklich bist. Und manchmal muss man jemanden ganz unten ankommen lassen, damit er seine eigene Wahrheit erkennt."
Er macht noch einen Schritt auf mich zu. Ich weiche zurück, bis ich gegen eine kalte Maschine pralle. Kein Entkommen.
"Dies", sagt er und hält die Spritze hoch, "wird dir helfen, dich zu erinnern. Es wird wehtun. Aber Schmerz ist ein hervorragender Lehrer."
Ich blicke mich verzweifelt um, nach einem Ausweg, einer Waffe, irgendetwas. Meine Hand tastet an der kalten Maschine hinter mir entlang und findet etwas - einen losen Metallhebel.
Der Kurator ist jetzt nur noch einen Meter entfernt. Ich sehe sein Gesicht deutlicher - mittleren Alters, mit Narben auf der Wange und Augen, die jede Seele aussehen, die sie je gesehen haben.
"Es ist Zeit", flüstert er.
In diesem Moment reiße ich den Hebel an der Maschine nach unten.
Was als nächstes passiert, überwältigt mich völlig. Ein ohrenbetäubendes HEULEN erfüllt den Raum. Die Maschine hinter mir kommt mit einem Ruck zum Leben, Lichter blitzen auf, Motoren jämmern sich in Bewegung nach Jahren der Stille.
Der Kurator weicht überrascht zurück, sein Blick zwischen Wut und ungläubigem Staunen.
Ich nutze den Moment der Verwirrung. Ich ducke mich unter seinem ausgestreckten Arm hindurch und renne. Nicht zum Ausgang - der ist versperrt. Sondern tiefer in die Halle, in die unbekannte Dunkelheit.
Sein wütendes Brüllen verfolgt mich. "Lauf nur! Jede Maus denkt, sie könnte dem Labyrinth entkommen, bis sie der Katze direkt in die Krallen läuft!"
Ich renne, ohne zu wissen, wohin. Die Maschinen um mich herum surren und knarren, als ob ich sie aus einem langen Schlaf geweckt hätte. Lichter flackern auf und ab, werfen tanzende Schatten, die wie Krallen aussehen.
Hinter mir höre ich seine Schritte. Langsam, bedächtig. Er hetzt mich nicht. Er treibt mich. Wie er es sagte. Wie eine Katze, die mit ihrer Beute spielt.
Ich biege um eine Ecke und bleibe abrupt stehen. Vor mir tut sich ein Abgrund auf. Ein großer, leerer Schacht, der in undurchdringliche Dunkelheit hinabführt. Ein vergessener Aufzugsschacht vielleicht.
An der Seite sehe ich eine schmale, metallene Wartungsleiter, die in die Tiefe führt. Irgendwo da unten höre ich Wasser tropfen.
Die Schritte kommen näher. Ich habe keine Wahl.
Ich schwinge mich über den Rand und beginne, die rostige Leiter hinunterzuklettern. Jede Sprosse ächzt unter meinem Gewicht. Der Geruch von Moder und Verfall wird stärker, je tiefer ich komme.
Oben sehe ich den Schatten des Kurators am Rand des Schachtes auftauchen. Er sieht mich, sagt aber nichts. Er beobachtet nur.
Ich klettere weiter hinab, in die Dunkelheit, in die Ungewissheit. Die Luft wird kälter, feuchter. Das last Licht von oben ist nur noch ein ferner Schein.
Nach was scheinbar einer Ewigkeit, spüre ich festen Boden unter meinen Füßen. Wasser steht knöcheltief, eiskalt. Ich bin in einem Tunnel oder einem Kanal.
Ich wage einen Blick nach oben. Der Kurator ist weg. Aber ich weiß, dass das nicht bedeutet, dass ich sicher bin. Ganz im Gegenteil.
Ich wate durch das dunkle Wasser, meine Hände vor mir ausgestreckt, um nicht gegen die Wände zu stoßen. Der Tunnel scheint sich ewig hinzuziehen.
Dann sehe ich etwas. Ein schwaches, grünliches Licht in der Ferne. Es pulsiert sanft, wie ein Herzschlag.
Ich folge ihm, wie hypnotisiert. Das Licht wird stärker, und ich erkenne, dass es aus einer offenen Tür am Ende des Tunnels kommt.
Vorsichtig spähe ich hinein. Der Raum ist klein, vollgestopft mit elektronischen Geräten. Monitore zeigen verschiedene Winkel der Halle, Aufnahmen von mir, wie ich aufwache, wie ich fliehe, wie ich den Mann befreie.
An einer Wand hängen Fotos. Zeitungsausschnitte. Und in der Mitte - ein Bild von mir. Darunter ein Name, der mir fremd und doch schrecklich vertraut vorkommt.
Und dann verstehe ich. Dies ist kein Versteck des Kurators.
Es ist meins.
Was tust du?
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