Kapitel 4: Der Kern
Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Dieser Raum... diese Ausrüstung... das Foto mit meinem Gesicht. Ein eisiger Schauer läuft mir den Rücken hinunter.
Das ist nicht möglich. Das kann nicht sein. Er manipuliert dich. Das ist eine weitere Falle.
Aber je länger ich mich umsehe, desto mehr Details erkenne ich, die diese schreckliche Wahrheit bestätigen. Der Stuhl passt genau zu meiner Körpergröße. Die Tastatur liegt in perfekter Reichweite meiner Hände. Selbst der Geruch in diesem Raum kommt mir vertraut vor.
Meine Augen wandern über die Wand mit den Fotos. Sie zeigen nicht nur mich. Sie zeigen andere Menschen. Männer, Frauen. Alle mit demselben Ausdruck von Angst und Verwirrung in den Augen. Opfer.
Und dann sehe ich ihn. Den Zeitungsausschnitt.
"LOKALER UNTERNEHMER VERMISST - POLIZEI FÄHNDET NACH HINWEISEN" steht über einem Foto eines lächelnden Mannes mittleren Alters. Marcus Thorne. Der Name löst etwas in mir aus. Eine Erinnerung, die sich wie durch Nebel kämpft.
Daneben ein weiterer Artikel: "SECHS MONATE NACH VERSCHWINDEN: FALL THORNE WEITERHIN RÄTSELHAFT".
Und dann, direkt unter meinem eigenen Foto, eine Notiz in meiner eigenen Handschrift: "Projekt Absolution - Phase 3 beginnt morgen."
Projekt Absolution. Die Worte hallen in meinem Kopf nach, und plötzlich brechen die Erinnerungen wie eine Flutwelle über mich herein.
Ich sehe mich an einem Schreibtisch sitzen, nicht in diesem verfallenen Lager, sondern in einem modernen, sterilen Büro. Ich trage einen weißen Laborkittel. Vor mir liegen Akten, psychologische Profile.
"Die menschliche Psyche ist wie eine Zwiebel", erklärt meine eigene Stimme in der Erinnerung. "Um zum Kern vorzudringen, muss man Schicht für Schicht entfernen. Bis nur noch die nackte Wahrheit übrig bleibt."
Ich bin... ich war... Psychologe. Ein Forscher. Spezialisiert auf extreme Verhaltensmodifikation. Projekt Absolution war meine Lebensarbeit. Eine kontroverse Methode, um Kriminelle von ihren triebhaften Mustern zu "heilen", indem man sie mit ihren schlimmsten Ängsten konfrontiert.
Der Kurator... ich kenne ihn. Sein Namen ist... war... Daniel. Mein Assistent. Mein Protegé. Der Einzige, der an meine Arbeit glaubte, als alle anderen sie für Wahnsinn hielten.
Aber etwas ist schiefgelaufen. Etwas Schreckliches.
Eine weitere Erinnerung schießt mir durch den Kopf. Ein Streit. Daniel, der wütend wird. "Du bist kein Gott, der über Leben und Tod entscheiden kannst! Diese Methode ist Folter, keine Therapie!"
Ich sehe, wie ich ihn abweise. "Du verstehst es nicht. Manchmal muss man zerstören, um zu heilen. Manchmal muss man jemanden bis an den Abgrund treiben, um ihn zu retten."
Dann der schlimmste Teil der Erinnerung. Der Unfall. Der Brand im Labor. Die Sicherheitsprotokolle, die versagten. Daniel, eingeschlossen in der Brennkammer. Seine Schreie.
Ich... ich habe ihn zurückgelassen. Ich habe die Tür verriegelt, um die Ausbreitung des Feuers zu verhindern. Ich habe ihn seinem Schicksal überlassen.
Aber er hat überlebt. Mit Narben, körperlich und seelisch. And jetzt... jetzt führt er meine eigene Methode an mir durch.
Ich sinke auf den Stuhl, zitternd, überwältigt von der Flut der Erinnerungen. Alles kommt zurück. Mein Name ist Dr. Adrian Weiss. Ich bin der Architekt dieses Albtraums.
All die Fallen, die psychologischen Tests, die Grausamkeiten... sie sind mein Werk. Meine Theorien, in die Praxis umgesetzt.
Plötzlich ertönt eine vertraute Stimme aus den Lautsprechern des Raumes. Daniels Stimme. Aber sie klingt anders. Nicht mehr krächzend und böse, sondern ruhig, almost traurig.
"Willkommen zurück, Adrian. Oder sollte ich sagen: Willkommen zu Hause."
Ich schaue auf und sehe ihn im Eingang stehen. Die Taschenlampe hält er nicht mehr. Sein Gesicht ist im Halbdunkel sichtbar. Die Narben, die sich über die linke Seite ziehen, zeugen von dem Feuer, das ich verursacht habe.
"Daniel", flüstere ich, und die Erkenntnis meiner Schuld lastet tonnenschwer auf mir. "Was habe ich getan?"
Er tritt näher, aber ohne die bedrohliche Haltung von vorher. "Du hast mich gelehrt, dass Wahrheit durch extreme Konfrontation entsteht. Dass wir unsere wahre Natur erst erkennen, wenn uns alles genommen wurde. Alles, was ich getan habe, basiert auf deiner Arbeit."
"Das war Theorie!", protestiere ich. "Gedankenspiele! Ich habe nie jemanden wirklich dieser... dieser Folter ausgesetzt!"
"Nein?", fragt er mit erhobener Augenbraue. "Was ist mit Subject 347? Oder der Miller-Frau? Deine 'Therapien' haben sie in den Wahnsinn getrieben. Ich habe nur deine Methode perfektioniert."
Er deutet auf die Monitore. "All das diente einem Zweck: Dir zu zeigen, wer du wirklich bist. Der große Dr. Weiss, der meinte, er könne über andere richten. Der bereit war, Leben zu opfern, für das, was er für eine 'höhere Wahrheit' hielt."
"Ich... ich wollte helfen", stammele ich, aber die Worte klingen hohl in meinen eigenen Ohren.
"Helfen?", schnaubt er. "Du wolltest spielen. Gott spielen. Und jetzt sieh dich an. Der Schüler hat den Meister übertroffen."
Er geht zu einem der Regale und zieht eine dicke Akte hervor. "Weißt du, was das ist? Das ist Marcus Thorne. Der Mann, den du entführt hast. Der Mann, den du deiner 'Therapie' unterziehen wolltest, bevor ich eingegriffen habe."
Mein Blut gefriert in meinen Adern. "Das ist nicht wahr. Ich würde nie..."
"Doch!", unterbricht er mich scharf. "Du hattest vor, ihn hierher zu bringen. Alles war vorbereitet. Ich habe nur... die Rollen getauscht."
Er wirft die Akte vor mir auf den Tisch. Fotos fallen heraus. Bilder von Thorne mit seiner Familie. Von ihm bei der Arbeit. Ein normales Leben. Ein Leben, das ich zerstören wollte.
"Warum hast du mich dann nicht einfach der Polizei übergeben?", frage ich mit zitternder Stimme.
"Weißt du, das war keine Gerechtigkeit gewesen wäre", antwortet er leise. "Gerechtigkeit ist, wenn der Jäger zur Beute wird. Wenn der Henker das Fallbeil spürt. Du musstest verstehen, Adrian. Wirklich verstehen."
Plötzlich werden die Erinnerungen noch klarer. Ich sehe mich, wie ich Pläne für diese Halle entwerfe. Wie ich Fallen konzipiere, psychologische Tests entwickle. Alles für mein "Projekt Absolution". Daniel hatte recht. Ich bin der Architekt meines eigenen Gefängnisses.
"Der Mann, den du befreit hast", fährt Daniel fort. "Er war nicht echt. Ein Schauspieler. Ein weiterer Test. Um zu sehen, ob du Mitgefühl hast oder nur an dein eigenes Überleben denkst. Du hast bestanden... mehr oder weniger."
Ich schließe die Augen. Die Wahrheit ist unerträglich. Ich bin kein Opfer. Ich bin der Täter, der zur Rechenschaft gezogen wird.
"Was willst du jetzt von mir?", frage ich erschöpft.
"Das Gleiche, was du von deinen 'Patienten' wolltest", antwortet er. "Einsicht. Reue. Absolution."
Er geht zur Tür. "Die Polizei ist informiert. Sie werden in etwa einer Stunde hier sein. Du hast Zeit, zu überlegen, was du ihnen sagen willst."
"Du verlässt mich?", frage ich überrascht.
"Meine Arbeit ist getan", sagt er. "Die Wahrheit ist ans Licht gekommen. Der Rest liegt bei dir."
Für einen Moment sehe ich in seinen Augen nicht den grausamen Kurator, sondern den jungen, idealistischen Mann, der einmal mein Assistent war. Den Mann, den ich verraten habe.
"Daniel... es tut mir leid", sage ich, und diesmal meine ich es auf eine Weise, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.
Er nickt leicht. "Das weiß ich. Deshalb konnte ich aufhören."
Dann ist er weg. Ich höre seine Schritte, die sich entfernen, und dann Stille.
Ich bin allein. Mit der Wahrheit. Mit meinen Erinnerungen. Mit meiner Schuld.
Ich schaue mich in dem Raum um, meinem Raum, und sehe alles mit neuen Augen. Die Monitore zeigen leere Gänge. Die Werkzeuge liegen ordentlich bereit. Alles wartet auf den nächsten "Patienten". Auf das nächste Opfer.
Ich öffne die Akte von Marcus Thorne und beginne zu lesen. Über sein Leben. Seine Familie. Seine Unschuld. Alles, что ich beinahe zerstört hätte.
Die Zeit vergeht. Ich weiß nicht, wie viel. Ich versinke in den Aufzeichnungen, in meinen Erinnerungen, in meiner Schuld.
Dann höre ich sie. Sirenen. In der Ferne, aber unverkennbar. Sie kommen näher.
Ich sollte fliehen. Ich kenne diese Halle besser als jeder andere. Ich kenne geheime Gänge, versteckte Ausgänge. Ich könnte entkommen.
Aber wohin? Vor meiner Schuld kann ich nicht fliehen. Vor der Wahrheit nicht.
Ich stehe auf und gehe zur Tür. Nicht um zu fliehen, sondern um mich zu stellen. Um die Konsequenzen meines Handelns zu tragen.
Als ich den Hauptraum betrete, sehe ich die Blaulichter, die durch die zerbrochenen Fenster hereinscheinen. Stimmen rufen meinen Namen. Adrian Weiss. Der Mann, der ich einmal war. Der Mann, der ich immer noch bin.
Ich hebe die Hände und gehe langsam auf das Licht zu. Auf die Wahrheit. Auf meine Absolution.
Aber als ich durch die Tür trete, erwartet mich keine Straße, keine Polizei, keine Freiheit.
Stattdessen stehe ich wieder in der Dunkelheit. In derselben Dunkelheit, in der ich erwacht bin. Der Geruch von Blut und Beton erfüllt meine Nase.
Und eine vertraute, krächzende Stimme flüstert in meinem Ohr: "Und? Glaubst du jetzt, wer du bist?"
Ich drehe mich um, aber da ist niemand. Nur Dunkelheit. Und das unerbittliche Gefühl, dass das Spiel noch lange nicht vorbei ist.
Was ist real? Was ist Illusion? Wer bin ich wirklich?
Was tust du?